Eine „vorbildliche“ Schule von Fritz Schumacher

 

Die ehemalige Volksschule Berne gehört zu den sog. späten Schumacher-Schulen, also zu denjenigen, die nach Ende des 1. Weltkrieges gebaut worden sind. Sie ist die kleinste aller von Schumacher geplanten Volksschulen, was auf die heute noch bestehende geringe Bebauungsdichte der denkmalgeschützten „Gartenstadt Berne“ mit überwiegend Doppelhäusern auf sehr großen Grundstücken zurückgeht. Das Schulgebäude besteht aus zwei Teilbaukörpern – dem dreigeschossigen Klassentrakt und einer Turn- und Versammlungshalle – , die gemeinsam einen harmonischen, gleichwohl spannungsvollen, kubischen Gesamtbaukörper bilden, der bewusst „nicht den ländlichen Charakter der Siedlung betont“, wie Schumacher im Erläuterungsbericht zu der Baumaßnahme (Hamburger Staatsbauten von Fritz Schumacher, Band 3, S. 322) schreibt.

Im Zentrum der beiden Teilbaukörper liegt das Haupttreppenhaus mit dem Haupteingang. Dies ist nicht nur der funktionelle sondern auch der gestalterische Schwerpunkt des Gebäudes. Ebenso wie bei allen anderen Schulen enthält auch diese Schule einheitliche Backsteinfassaden – flächig, unstrukturiert, jedoch mit einer Ausnahme: Bei dem Uhrturm ist das Verblendmauerwerk von Schicht zu Schicht gegeneinander vor- bzw. zurückgesetzt, woraus sich eine feine Horizontalstruktur ergibt, die durch Schattenbildung noch unterstützt wird. Die baukörperliche Überschaubarkeit und die konsequente, an den jeweiligen Funktionen orientierte Fassadengestaltung machen die Schule zu einem einprägsamen Bauwerk.

Im Hamburger Stadtteil Wohldorf-Ohlstedt, in unmittelbarer Nähe der Endstation der U-Bahn-Linie U1, aber ohne irgendwelche städtebaulichen Bezüge, befindet sich die „Schule am Walde“, die bereits beim ersten Anblick an die Schule Berne erinnert. Während der Klassentrakt dieser Schule in weiten Teilen identisch mit dem der Schule Berne ist, stellt der Uhrturm sogar eine absolute Kopie dar. Dies führt zunächst zu der Frage, wie es zu diesen Übereinstimmungen gekommen ist, und schließlich zu der Antwort, dass dies offensichtlich auf eine Person zurückgeht, die an beiden Baumaßnahmen an verantwortlicher Stelle tätig gewesen ist. Am Schluss von Schumachers Erläuterungsbericht zur Schule Berne heißt es: „Der Bau … ist von der Bauabteilung der Landherrenschaft unter Leitung von Baurat Völker ausgeführt worden“. Der Begriff „Landherrenschaft“ bezeichnet die damals außerhalb der Stadtgrenzen gelegenen, gleichwohl der Hoheit des Hamburger Rates unterstehenden Landgebiete. Dazu gehörten u.a. die „Walddörfer“ Farmsen und Ohlstedt. Im „Architekturführer Hamburg“ von Ralf Lange, Edition Axel Menges 1995, S. 208 findet sich eine kurze Anmerkung zur „Schule Am Walde“ mit Hinweis auf deren Architekten: „Hochbauwesen, Baurat Völker“. Ein Vorname ist auch hier nicht genannt, was – wie die Erläuterungsberichte zu den anderen Staatsbauten Schumachers zeigen – bei den höheren Beamten des technischen Verwaltungsdienstes offenbar auch nicht üblich war.

Die Schule Berne ist im Oktober 1930 eingeweiht worden, für die Schule Am Walde ist im o.a. Architekturführer die Bauzeit 1930/31 angegeben. Dies legt die Vermutung nahe, dass der Baurat Völker als Architekt der Schule Am Walde wesentliche Planungsgrundlagen, die ihm aus seiner Tätigkeit in Berne zur Verfügung standen, einfach übernommen hat – und zwar weit mehr als einige Ausführungsdetails. Allerdings kann es an seiner planerischen Kompetenz keine Zweifel geben. Das zeigen z.B. die ehemalige Volksschule Fiddingshagen im Ortsteil Nettelnburg von Bergedorf sowie das frühere Gemeindehaus Wohldorf (heute meistens als „Rathaus Ohlstedt“ bezeichnet – wohl wegen seiner Lage direkt am Bahnhof), die beide von Baurat Völker geplant und 1928 eingeweiht worden sind.

Es erscheint nicht ausgeschlossen, dass der Baurat Völker hinsichtlich der Planung der Schule Am Walde vorher die Zustimmung Schumachers erhalten hat – vielleicht lässt sich dies anhand von Dokumenten des Staatsarchives / der Staatsbiblothek noch einmal gesondert überprüfen.

Im einzelnen beziehen sich die kompletten Übereinstimmungen der beiden Schulbauten auf den Uhrturm – Uhr, Fenster, Mauerwerksstrukturen -, auf den Klassentrakt mit zurückgesetztem Sockelgeschoss und zwei Normalgeschossen; diese mit jeweils vier Klassenräumen pro Geschoss auf der Eingangsseite sowie identischer Fensterzahl und Fensterteilung.

Bei der Fassadengestaltung finden sich aber auch einige Unterschiede: Die Mauerwerksstruktur des Uhrturmes mit gegeneinander vor- bzw. zurückgesetzten Schichten erstreckt sich bei der Schule am Walde auch auf das gesamte Sockelgeschoss, dessen Fenster eine betonte Vertikalausrichtung haben, mit striktem Bezug zu den darüber liegenden Fenstern der Klassenräume. Bei der Schule Berne ist diese Fassadengliederung der Hauptgeschosse im Sockelgeschoss nicht weitergeführt worden, sondern besteht aus einer Lochfassade mit relativ kleinformatigen Fenstern.

Fazit

Bei der Schule am Walde führt die Einbindung von Klinkermauerwerk in die horizontalen Fensterbänder zu ziemlich spannungsarmen und wenig materialgerechten Lösungen, während in Berne diese Bereiche selbstverständlicher und konsequenter erscheinen. Hinzu kommt die gestalterische Behandlung der Sockelgeschosse: In Berne hat Schumacher die gegenüber den Hauptgeschossen zurückgesetzte Außenwand genutzt, um die Fenstergliederung nicht ohne Bezug zu den Hauptgeschossen, aber sonst als neues, reduziertes Gestaltungsthema zu behandeln und damit zugleich auf die gegenüber den Klassenräumen andersartigen Nutzungen zu antworten. In Ohlstedt wirkt der Vertikalbezug der Fenster des Sockels zu den Fensterzonen der Hauptgeschosse recht schematisch, wobei die Fenster im Boden zu verschwinden scheinen und damit für das Mauerwerk zu einem Verlust an Materialität beitragen. Die Weiterführung der – anspruchsvolleren – Mauerwerksstruktur des Uhrturmes ausgerechnet beim Sockel ist kaum nachzuvollziehen.

 

Claus Kurzweg

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