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Backstein stiftet Hamburger Identität

Der Vorsitzende der Fritz-Schumacher-Gesellschaft, Prof. Dirk Schubert, mahnt im Abendblatt-Interview: Hamburg muss sein „rotes Gesicht“ erhalten.
Hamburger Abendblatt: Wie viele Schumacher-Gebäude gibt es in Hamburg?
Schubert: Das ist eine Frage der Definition. Bei den großen Wohnungsquartieren Jarrestadt oder Barmbek-Nord, da trug der Oberbaudirektor Fritz Schumacher ja nur die städtebauliche Verantwortung. Die Wohnbauten sind häufig von einzelnen Architekten geplant worden. Bei öffentlichen Bauten wie der Finanzbehörde oder Schulbauten sieht das anders aus. (…)
Schubert: Schumacher hat stark auf lokale und regionale Traditionen gesetzt. Zu Beginn der 20er-Jahre war er noch mehr der Architektur der Vorkriegszeit verhaftet. Gegen Ende der 20er-Jahre praktizierte er auch stärker modernere Bauformen. Da war sicherlich der Bauhausstil eine Entwicklung im Hintergrund, die er beobachtet und verarbeitet hat. Gleichwohl kann man sagen, es gab eine hamburgeigene Tradition. (…)
Schubert: Es gibt massive Unterschiede zur Gründerzeit. Schumacher verfasste damals ein Buch, „Die Kleinwohnung“. Darin weist er nach, wie ungesund die gründerzeitlichen Bauten sind und dass man mit ähnlichem finanziellen Aufwand sehr viel gesündere Wohnungen bauen kann. Das fängt an bei dem Prinzip der Querlüftung. Das Leitbild „Licht, Luft und Sonne“ hat er auf seine Art und Weise re-interpretiert. Es gab seinerzeit einen großen Kostendruck, und es ging darum, in kurzer Zeit viele Wohnungen für Menschen mit mittleren und unteren Einkommen zu bauen. (…)
Schubert: (…) Viele Beteiligte haben auf die Gefahr hingewiesen, dass Hamburg sein „rotes Gesicht“ verliert. Andererseits sehen wir auch die Notwendigkeit, Häuser besser zu dämmen, um damit Energie zu sparen. (…)
Schubert: Es soll jetzt einen „Backsteinbetreuer“ geben. Architekten und Bauherren können sich bei ihm im Umgang mit Backsteingebäuden beraten lassen. Dadurch hoffen wir, dass auch bei einer energetischen Sanierung oft die Backsteinfassade erhalten bleiben kann. (…)
Schubert: Wir haben ja seinerzeit, als die Stadt den Erhalt der typischen Sprossenfenster förderte, gesehen, dass es Wege gibt, die Bewahrung unseres baulichen Erbes mit den Anforderungen modernen Wohnens zu kombinieren. Jetzt gilt es, Programme für den Erhalt der Backsteinkultur aufzulegen. (…)
Schubert: Viele Hamburger sind in den Backsteinquartieren Jarrestadt oder Dulsberg aufgewachsen und haben gute und weniger gute Erinnerungen daran. Aber es ist „ihr“ Hamburg. Wenn Hamburg einen Teil seiner Identität verliert, verlieren auch die Menschen, die hier leben, ein Stück ihrer Identität.

Hamburger Abendblatt 05.07.2012

Hamburger Abendblatt
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Sektionssaal der Pathologie im Fritz-Schumacher-Haus

Die Kultursenatorin Barbara Kisseler ist tief beeindruckt von dem Fritz-Schumacher-Haus auf dem Gelände des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE). „Mit dem Gebäude ist Hamburg in Besitz eines wahren Juwels“, sagte sie am Montag nach der Besichtigung des Gebäudes, das derzeit saniert wird. „Es müsste unter Strafe gestellt werden, wenn hier nicht noch mal Geld in die Hand genommen würde.“ (…)

Der erste Abschnitt der Sanierungsarbeiten ist bereits abgeschlossen. Herzstück war dabei die Instandsetzung eines Sektionssaals aus dem Jahre 1926. Dieser soll auch der Mittelpunkt des medizingeschichtlichen Museums werden, als das das Gebäude in Zukunft genutzt werden soll. Zudem sind bereits jetzt eine Ausstellungseinheit zur Geschichte der Tuberkulose und eine Sammlung von rund 600 historischen Moulagen fertig. Moulagen sind Wachsabbildungen von Veränderungen der Haut, die durch bestimmte Krankheiten entstehen. Zwischen 1850 und 1950 wurden solche Nachbildungen als Lehrmaterial verwendet, heute geben sie ein Bild des „Patienten der Vergangenheit“ wieder. Finanziert wurden die bisherigen Maßnahmen durch Sponsoren.

In einem zweiten Bauabschnitt soll nun der Ostflügel des Gebäudes inklusive eines kleinen Hörsaals möglichst originalgetreu saniert werden. (…)

„Das ist ein herausragendes Projekt, das bundesweit seinesgleichen sucht“, sagte Kisseler am Montag. Sie rechne mit einem Publikumserfolg, zudem werde damit eine Lücke in der Hamburger Museumslandschaft geschlossen. Aber auch die Bauwerkpflege als solche würdigte sie: „Denkmalpflege ist ein zentrales Thema in einer Stadt wie Hamburg, die sich als wirtschaftlich stark wachsend wahrnimmt. Denn da kann es schon mal schneller passieren als es gut ist, dass man sich von etwas Altem trennt, um etwas Neuem Platz zu machen.“ Sie fordert in solchen Situationen einen „Moment der Besinnung“. (…)

Bericht von Jenny Bauer im Hamburger Abendblatt vom 27. Juni 2011
www.abendblatt.de

urbanes #1 2011

Von Heinrich Großbongardt

 

Ein Traumjob im eigentlichen Sinne war es nicht, 1909 Baudirektor in Hamburg zu werden. Natürlich war es eine großartige Aufgabe, die Entwicklung dieser dynamischen Stadt zu gestalten. Aber Entscheidungen fielen hier nur mühsam. Doch der 40jährige Schumacher wollte die Herausforderung und meisterte sie nicht zuletzt, weil er einen scharfen Geist hatte und ein glänzender Rhetoriker war. „Durch seine Sprachgewalt konnte er sich in dieser schwer zu regierenden Stadt durchsetzen“, erzählt Prof. Hans-Günther Burkhardt, Vorsitzender der Fritz-Schumacher-Gesellschaft.

Untrennbar mit Schumachers Namen verknüpft ist die Verwendung von rotem Backstein als Baumaterial für die Fassaden. Die 20 mal 10 Zentimeter großen Backsteine mit ihrem lebendigen Farbenspiel waren ein Material, mit dem die Architekten durch unterschiedliches Mauern schmuckvolle Fassaden schaffen konnten. Manche dieser Häuser mögen heute vielleicht etwas düster wirken, doch damals war das ganz anders. „Man muss sich das Hamburg jener Tage als ziemlich grau vorstellen“, erzählt Burkhard. Die Farbigkeit, die den Fassaden von Gründerzeithäusern ihre Lebendigkeit verleiht, ist eine Erfindung der Neuzeit. Die einzige Farbe war der weiße Kalkanstrich der Reedervillen, der in der von Ruß geschwängerten Luft aber auch nur zwei oder drei Jahre hielt.

Eine Riesenaufgabe war es, des raschen Bevölkerungswachstums Herr zu werden. 1900 hatte die Hansestadt 700.000 Einwohner, zehn Jahre später schon über 900.000. Ihnen wollte Schumacher eine Heimat geben. „Wer die Stadt als Lebewesen empfand, musste bald erkennen, dass dies Wesen im tiefsten Kern krank war und dass man dieser Krankheit nur durch organische Eingriffe Herr werden konnte. Es handelte sich um eine soziale Aufgabe von größtem Ausmaß“, schrieb er später.

Wie er sich das vorstellte, kann man heute noch in der Jarrestadt, in Dulsberg, auf der Veddel und in der Fritz-Schumacher-Siedlung in Langenhorn sehen. Auch der Stadtpark trägt seine Handschrift; das Planetarium und das Landhaus Walter …
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(Heinrich Großbongardt, Rot gegen grau, in: urbanes, No. 1, 2011, S. 24f)
www.urbanes.de/