Backstein

Hamburg bald keine rote Stadt mehr?
Architektur versus Energiesparmassnahmen

Backsteinfassaden prägen wesentlich Hamburgs Gesicht. Mit Backstein enstanden wertvolle ortstypische Stadtbilder, die für die Identität der Gesamtstadt wichtig sind. Fritz Schumacher und Gustav Oelsner sind mit ihren historischen Backsteinbauten wichtige Protagonisten einer modernen Stadtgestalt, sie stehen unverändert exemplarisch für die Arbeit vieler über Hamburg hinaus bekannten Architekten.
Heute fürchten Architekten und Denkmalschützer um das baukulturelle Erbe Hamburgs: Durch unreflektierte Fassadendämmung verschwinden stadtbildprägende Backsteinfassaden. Die Fritz-Schumacher-Gesellschaft unter der Führung ihres Vorsitzenden Prof. Hans-Günther Burkhardt hat mit einem Kolloquium 2007 eine wichtige Initiative ins Leben gerufen, um diesen schleichenden Wandel des Stadtbildes zu verhindern und Alternativen zur Veränderung der Backsteinfassaden zu diskutieren. Inzwischen setzen sich verschieden Hamburger Institutionen für die gleiche Zeilsetzung ein.

 

GEFAHR FÜR HAMBURGS STADTBILD
Seit einigen Jahren werden städtebaulich unabgestimmte Gebäudemodernisierungen vorgenommen, die die für Hamburg typische Dualität der Putz- und Klinkerquartiere unkontrolliert aufzulösen beginnen. Die Kultur des Backsteinbaus in all seinen farblichen Varianten ist ein unverzichtbares Stadtbildelement Hamburgs. Ohne eine besonders beauftragte Verfahrensinstitution zur Pflege der Stadtgestalt besteht die Sorge, dass durch die einseitige Anwendung von Anforderungen aus der Energieeinsparverordnung EnEV des Bundes und der Hamburger Klimaschutzverordnung der Erhalt der Backsteinfassaden gefährdet ist. Seit den 20er Jahren wurden Backsteinfassaden auch für ganze Stadtbereiche als städtebaulich wirksames Material gezielt eingesetzt. Hamburg besitzt damit wertvolle ortstypische Raumbilder, die für die Identität der Gesamtstadt wichtig sind. Mit ihren stadtbildprägenden Leistungen und Klinkerbauten sind Fritz Schumacher und Gustav Oelsner wichtige Protagonisten einer modernen Stadtgestaltung. Mit ihren Bauten stehen sie exemplarisch für die Arbeit vieler über Hamburg hinaus bekannter Architekten bis in unsere Tage.
Die meist zu beobachtende Art der Modernisierung ortsbildprägender Backsteinfassaden im Rahmen von Energieeinsparmaßnahmen gefährdet das baukulturelle Erbe Hamburgs. Wir erkennen in dieser schleichenden und allmählichen Veränderung des Stadtbildes einen Wandel vom ortstypischen Charakter zur charakterlosen Beliebigkeit.

 

UNSERE FORDERUNGEN
Theorie und Praxis zeigen, dass es in vielen Fällen unter Einsatz integrierter Konzepte – Haustechnik, Fenster sowie Keller- und Dachdämmung – gelingen kann, den Wärmeschutzstandard eines Neubaus zu erreichen.
Wir fordern daher:
Städtebau
– Beauftragung einer zentral wirkenden Institution mit der Aufgabe, städtebaulich wirksame Wärmeschutzmaßnahmen mit baukulturellen Anforderungen zu moderieren.
– Für Quartiere, Straßenzüge oder Einzelgebäude, die auf Grund ihrer herausragenden Bedeutung für die Stadt zu sichern sind, ist eine Gebietsabgrenzung auch über die unterschutzgestellten Kulturdenkmale hinaus notwendig. Die Milieuuntersuchung zum Sprossenfensterprogramm kann zur Gebietsabgrenzung als erster Anhalt dienen.
Hochbau
– Zusammenfassung aller bisherigen Praxiserfahrungen in einem auf die Hamburger Verhältnisse ausgerichteten Handbuch.
– Verpflichtung zur Bestandsanalyse vor jeder Baumaßnahme, um auf dieser Grundlage die Verträglichkeit der Maßnahme mit den baukulturellen Zielen nachzuweisen.
– Weitgehender Verzicht auf Wärmedämmmaßnahmen auf städtebaulich wirksamen Klinkerfassaden der 1920er und 30er Jahre, statt dessen Einsatz hochwertiger Haustechnik.
– Sicherung der durch Backstein geprägten Bereiche und architektonisch wertvollen Gebäuden der 1950er bis 1980er Jahre durch differenzierte Modernisierungskonzepte.
– Einhaltung der ursprünglichen Fenstertypologie und deren Lage in der Fassade auch bei Einbau von hochwertigen Wärmeschutzfenstern.

 

Ergänzung zum Memorandum
Die unterzeichnenden Institutionen und Einzelpersonen schlagen nachstehende Einrichtungen und Aktivitäten zur Erhaltung der baukulturell bedeutsamen Backsteinfassaden in Hamburg vor:
1. Ernennung eines oder einer Beauftragten für die Sanierung von Backsteinfassaden, kurz Backsteinbeauftragte/r genannt. Diese Person sollte denkmalpflegerische sowie bau- und haustechnische Grundkenntnisse zur Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden mitbringen. Diese kurzfristig und auf Zeit zu ernennende Person mit umfassender Kompetenz soll unmittelbar dem Senator oder Oberbaudirektor zugeordnet sein. Projekte in den nachstehend beschriebenen Gebieten sind dem Beauftragten zur Kenntnis zu bringen.
2. Erarbeitung einer Übersicht der städtebaulich und bauhistorisch infrage kommenden Gebiete und Gebäude auf der Basis der bereits vorliegenden Milieuuntersuchungen und neueren Erkenntnisse, als Grundlage für die Moderationstätigkeit der/ des Backsteinbeauftragten sowie der Bauherren/ Eigentümer/ Wohnungsbauträger. Diese Arbeit kann kurzfristig auch von externer Seite unter Mitwirkung der betroffenen Bezirke, des Denkmalschutzamtes und der BSU erfolgen.
3. Erarbeitung eines Handbuchs über Maßnahmen und Konzepten zur Steigerung der Energieefizienz im Bereich des Hamburger Backsteinbaus als allgemein verbindliche Hilfestellung für Bauherren, Architekten und ausführende Fachbetriebe. Dabei sollte das Zusammenspiel von Bau- und Haustechnik besonders herausgestellt werden. In dieses Handbuch sollen in knapper und übersichtlicher Form die neuesten Erkenntnisse aus Forschung und Praxis unter besonderer Berücksichtigung der Nutzbarkeit und der architektonischen Sprache der jeweiligen Entstehungszeit einfließen. Die Arbeit kann in Form eines externen Gutachtens im Auftrag des Backsteinbeauftragten und unter Mitwirkung eines externen Fachbeirates (ehrenamtlich) erarbeitet werden. Die Form sollte eine dauerhafte Fortschreibung ermöglichen, dies könnte z. B. mit einer losen, digitalen Blattsammlung, über das Internet zugänglich, geschehen.
Begründung:
Die zum wirksamen Handeln notwendige Kurzfristigkeit erlaubt keine personalintensive Organisation, vielmehr sollte auf die guten Erfahrungen z. B. mit dem Wohnungsbaubeauftragten in den 90 ger Jahren zurückgegriffen werden, der in kurzer Zeit auch schwierigste Grundstücks- und Baurechtsfragen in direkter Moderation mit den Betroffenen lösen konnte. Diese Aufgabe auf Zeit erfordert ein hohes Maß an Erfahrung im Umgang mit Bauherren und Behörden. Findet man die richtige Person ist aber eine kurzfristige Wirkung zu erwarten, selbst wenn es bei der derzeitigen Rechtslage bleibt, die bauordnungsrechtliche Eingriffsmöglichkeiten weitgehend reduziert hat. Ziel muss es sein, möglichst rasch den bereits existierenden (wenigen) guten Beispielen neue hinzuzufügen und diese in der wohl doch bereits sensibilisierten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Hier gilt es, keine Zeit zu verlieren. Die vorhandenen Arbeiten z. B. aus den 80er Jahren zum Sprossenfensterprogramm und zur Erfassung des 20/30er Jahre Wohnungsbaus sowie die aktuelle Arbeit zum Hamburger Stadtbild lassen sich in Kombination mit neuesten Untersuchungen zum Siedlungsbau der 50/60er Jahre zügig zu einem Kartenwerk zusammenfassen, in dem die wesentlich gestaltwirksamen Gebiete und Gebäude dargestellt sind, bei denen die Gestaltqualität und Ensemblewirkung des Backsteinbaus das zentrale, baukulturell bedeutsame Element darstellt. Diese Gebietsdarstellung bedarf nicht unbedingt eines Rechtsrahmens für die betroffenen Eigentümer, hier sollte man vor allem auf die Öffentlichkeitswirkung von Verstößen einerseits und die Geschicklichkeit der/des Backsteinbeauftragten andrerseits setzen. Außerdem bleibt dann der Festlegungsrahmen flexibel für kurzfristige Anpassungen. Das Handbuch soll den Charakter einer Sammlung vorbildlicher Beispiele mit dem Nachweis der Praktikabilität, Finanzierbarkeit und Nachhaltigkeit vereinen. In dem externen Beirat muss der Sachverstand der verschiedenen Institutionen der Wohnungswirtschaft ausreichend vertreten sein, das heißt, dass für eine kurzfristige Entscheidungsfindung hier ebenso gesorgt werden muss wie auf der den Hamburger Staat vertretenden Seite. Eine Besetzung mit entsprechendem Mandatsrang auf Zeit wäre anzustreben. Dies gilt auch für die Vertreter der Ingenieure und Architekten. Die Bauwirtschaft ist von Fall zu Fall als Informationsgeber einzubeziehen. Das gleiche gilt für die Handwerkskammer.

 

Unterstützer:
Fritz-Schumacher-Gesellschaft
Freie Akademie der Künste von Hamburg
Patriotische Gesellschaft von 1765
Verein Freunde der Denkmalpflege
Hamburgische Ingenieurkammer- Bau
HCU Hafencity Universität
Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung
Prof. Peter O. Braun
Dipl. Ing. Thomas Dittert
Dr. Ing. Gert Kähler
Frank Pieter Hesse

 

Hamburg, im Juni 2008

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